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Wie alles begann ...

Die bewegte Geschichte des Kalkbergs und der Karl-May-Spiele: Von der Siegesburg auf dem Kalkberg, zerstört im Dreißigjährigen Krieg, zum Freilichttheater, von einer Kleinstadt, die sich den Wilden Westen nach Hause holte, bis zur ersten erfolgreichen Saison. Lesen Sie hier, wie alles begann ...


Die stolze Burg auf dem Kalkberg

Vor Jahrhunderten thronte auf dem Kalkberg eine Burg: die Siegesburg, die dem Ort an der Trave den Namen „Segeberg“ gab. Der Kalkberg war damals noch rund zwanzig Meter höher als heute – und ein ganzes Stück breiter. Doch dann geschah etwas Unvorstellbares: Im Jahre 1644 zerstörten schwedische Angreifer im Dreißigjährigen Krieg die stolze Burg. Nur noch der dunkle Brunnenschacht ist von ihr übrig geblieben. Wer einmal einen Blick hinein werfen möchte, kann dies von einer Aussichtsplattform hinter dem heutigen Freilichttheater aus tun. 
Der Berg selbst wurde allmählich zum Steinbruch. Der abgebaute Gips ist in zahlreichen Schlössern, Burgen und anderen Bauwerken zu finden – nicht nur in Deutschland. Erst im Jahre 1931 wurde der Abbau eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt war eine tiefe Mulde in das Gestein geschlagen worden. Könnte man aus diesem halbkreisförmigen Gebilde vielleicht eine Art Freilichttheater bauen?

Vom Steinbruch zum Freilichttheater

Von 1934 bis 1937 entstand am Fuße des Kalkbergs die „Nordmark-Feierstätte“. Dafür wurden enorme Anstrengungen unternommen. Etwa 3.000 Kubikmeter Gestein mussten weggesprengt werden. Ansonsten wurden die Publikumstribünen weitgehend in schweißtreibender Handarbeit hergerichtet. Die neue Feierstätte, die im Oktober 1937 eröffnet wurde, diente in der Zeit der Nationalsozialisten für Theateraufführungen, Kundgebungen, Aufmärsche und andere Großveranstaltungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verwaiste das Gelände – bis sich der Lübecker Oberspielleiter Robert Ludwig an seine Jugend erinnerte und eine bahnbrechende Idee hatte.

Eine Kleinstadt wird zum Wilden Westen

Robert Ludwig schlug den Bad Segeberger Stadtvätern vor, am Kalkberg die Abenteuer des sächsischen Schriftstellers Karl May auf die Bühne zu bringen. Aber der Lübecker war nicht der einzige Bewerber. Eine Hamburger Theatergruppe plante, in dem imposanten Freilichtrund die Nibelungen-Sage aufzuführen. Im April 1952 siegte in der entscheidenden Abstimmung der Apachenhäuptling. Der Weg für die ersten „Winnetou-Festspiele“, wie das Vorhaben damals noch hieß, war frei. In Bad Segeberg grassierte fortan das Karl-May-Fieber. Während Robert Ludwig als Intendant ein professionelles Schauspieler-Ensemble zusammenstellte, machten viele Bad Segeberger als Statisten mit. Besonders stark engagierte sich die Dahlmannschule, das örtliche Gymnasium. Kunstlehrer Gerhard Günzel entwarf das Plakat, seine Kollegin Ingeborg Wessling choreografierte nach Foto-Vorlagen die indianischen Tänze. Es wurden Kostüme geschneidert, Requisiten gebaut, Schusswaffen besorgt (was sieben Jahre nach Kriegsende nicht einfach war) und brave Ackergäule, die tagsüber auf den Feldern arbeiteten, wurden zu wilden Mustangs umgeschult. Am 16. August war alles für die festliche Premiere bereit.

Die erste Saison wird zum riesigen Erfolg

Der erste Mann, der am Kalkberg die berühmte Silberbüchse abfeuerte, war Hans-Jürgen Stumpf. Der junge Schauspieler übernahm die wichtigste Rolle: Winnetou. Während es für ihn der einzige Wildwest-Sommer bleiben sollte, begann für Hans-Joachim Kilburger als Old Shatterhand eine mehrjährige Wirkungszeit am Kalkberg. Das Stück schilderte das Kennenlernen von Winnetou und Old Shatterhand, die Blutsbrüderschaft, den Tod von Winnetous Vater und Schwester – und am Ende starb auch Winnetou selbst.

Auffällig war, dass das Kostüm des berühmten Apache noch ganz anders aussah, als man es heute kennt. Er trug sogar eine in die Höhe ragende Adlerfeder. Der simple Grund: Zu diesem Zeitpunkt gab es die Karl-May-Kinofilme noch nicht. Erst nach deren Beginn in den 60er Jahren wurde das Winnetou-Kostüm dem Film-Vorbild Pierre Brice angepasst.
Der Erfolg der ersten „Winnetou“-Aufführung war gewaltig: Zu den gerade mal 15 Vorstellungen kamen fast 100.000 Besucher.

Nach dem Erfolg von 1952 war es keine Frage: Winnetou musste im nächsten Sommer wiederkommen! Intendant Ludwig ging auf Nummer sicher und führte – mit teilweise anderen Schauspielern – erneut das Erfolgsstück „Winnetou“ auf. Im dritten Jahr wurde Wulf Leisner neuer künstlerischer Leiter der Karl-May-Spiele, wie sie da schon hießen, und brachte den berühmtesten Winnetou-Roman auf die Freilichtbühne: „Der Schatz im Silbersee“.

Unter Leisners Regie folgte eine Uraufführung auf die nächste: „Unter Geiern“, „Der Ölprinz“, „Winnetou II – Ribanna und Old Firehand“ und „Die Felsenburg“. Es gab sogar Stücke, die nicht im Wilden Westen spielten und ohne Winnetou und Old Shatterhand auskamen: „Hadschi Halef Omar“, „In den Schluchten des Balkan“ und „Durch die Wüste“. Damals wurde noch weitgehend auf Sprechtheater gesetzt. Bis zu den heutigen modernen Aufführungen voller Action und Feuerzauber war es noch ein weiter Weg.